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Porträt reiht sich an Porträt, die Köpfe von Gelehrten bedecken einige Wände des Hauses Fast vollständig. 118 Dichter und Denker seiner Zeit ließ der Poet Ludwig Gleim (1719-1803) porträtieren und gestaltete auf diese Art sein Haus in Halberstadt zum „Tempel der Freundschaft“. Diese Bildnissammlung gilt als größte, noch erhaltene ihrer Art und sie bewirkt beim Besucher des Gleimhauses, heute ein Literaturmuseum, einen bleibenden Eindruck. Hinsichtlich der Fülle der Porträts und der Art, sie zu präsentieren, mag Gleims Sammlung eine Sonderstellung zukommen. Ansonsten ist sie weder neu- noch einzigartig. Serien und Zyklen von Porträts haben seit der Erfindung mechanischer Reproduktionstechniken Konjunktur. Man erkannte und schätzte ihr Wirkungspotential, produzierte beispielsweise in großer Zahl die so genannten Bildnisvitenbücher. Die Betrachtung der Physiognomien vorbildhafter Menschen sollte zur Nachfolge motivieren. Ludwig Gleim beabsichtigte mit seiner Sammlung, der Freundschaft einen besonderen Ausdruck zu verleihen und auf diese Weise das aufklärerische Ideal menschlichen Miteinanders zu befördern. Als Deutschland noch keine politische, sondern nur eine über Sprache und Kultur vermittelbare Einheit war, kam den Bildnissammlungen bedeutender Gelehrter vor allem auch eine Identität stiftende Funktion zu. Von der Macht solcher Sammlungen profitieren wollte auch das 20. Jahrhundert. Die Sonderabteilung mit Porträts deutscher Künstler und Gelehrter der Jahrhundert - Ausstellung Deutscher Kunst 1650 – 1800 in Darmstadt 1914 sollte eine Lanze brechen für das Selbstverständnis moderner Geisteswissenschaften. Das geistige Deutschland im Bildnis nannte Paul Ortwin Rave seine Porträtsammlung, die 1949 dazu beitragen sollte, die beschädigte Identität der Deutschen als Kulturnation zu korrigieren. Wenn Regina Zacharski am Anfang des 21. Jahrhunderts politisch bedeutsame Frauen porträtiert und zu einer Bildnissammlung zusammenstellt, greift sie die vielfältigen Bezüge und Bedeutungen einer nun schon ein halbes Jahrtausend währenden Tradition auf. Gleich den Porträtsammlungen der Humanisten des 16. Jahrhunderts zielt das Porträt- Projekt „Nah – näher – Frauen in der Politik“ auf die Vorbildwirkung ab. Es soll Frauen ermuntern, den Erfolgreichen nachzueifern. In Anlehnung an das Freundschaftsideal von Ludwig Gleimsollen die Bildnisse eine Gruppe gleich gesinnter Frauen an ein noch unsichtbares Band nehmen und zusammenführen. Das eine so geartete Bildnissammlung das Selbstverständnis, das Selbstbewusstsein und die Identität von Frauen in Entscheidungspositionen verändert, versteht sich fast schon von selbst. Und natürlich hat das Projekt eine Einheit stiftende Funktion, die in Zeiten des Zusammenwachsens des wieder vereinten Deutschlands und Europas eine besondere Virulenz entfaltet. Die Bildnissammlung entwickelt durch die Vielfalt der Wechselbezüge eine wesentlich reichere Bedeutungsdynamik, als es dem Einzelbild möglich wäre. Schon deshalb kann oder sollte sogar darauf verzichtet werden, das einzelne Bild zu stark zu „individualisieren“. Ludwig Gleim wusste darum und bestellte für seine Sammlung ausschließlich Brustbilder in Lebensgröße ohne schmückende und aussagestarke Attribute. Dieses Programm pflegte er ironisch-pfiffig zu rechtfertigen: „...nur die Ritter lassen sich in ganzer Figur malen, damit man den Sporn sehe. Von Gelehrten malt man nur die Köpfe.“ Auch Regina Zacharski verzichtet auf die „Sporen“ und konzentriert sich auf die Köpfe, wiewohl sie Menschen porträtiert, die nicht so sehr geistig als tätig die Welt verändern. Als Attribute gibt sie den Porträtierten Blumen und Früchte und verbindet sie also mit Symbolen von Schönheit, Zuwendung, Reife und Lebensbejahung. Was kann eine zur avantgardistischen Szene zählende Künstlerin wie Regina Zacharski reizen, eine Porträtserie zu zeichnen ? Gerade weil man vom Porträt Ähnlichkeit erwartet, ist der Künstler hier dem Diktat der Nachahmung verpflichtet. Er greift also zwangsläufig zu Kunstprinzipien, denen die Künstler doch offenbar schon lange abgeschworen haben und die ein beliebtes Angriffziel der Avantgarden gewesen waren. Kommt also die Porträtserie von Regina Zacharski einem Rückgriff auf das Konventionelle oder gar einem Rückfall hinter längst erreichte Positionen der Kunstentwicklung gleich? Der Beantwortung dieser Frage dient die wachsende Einsicht, dass es den Avantgarden des 20. Jahrhunderts nicht so sehr darum ging, mit den vormals gültigen Konventionen der Kunst zu brechen, sondern darum, mit ihnen zu experimentieren. Dieses Spiel mit dem allzu Bekannten und Selbstverständlichen schuf eine neue Bewusstheit und eröffnete neue Schaffens- und Bedeutungsfelder.
Die Porträtserie ist viel mehr als nur die Summe der einzelnen Porträts. Dies gilt vor allem dann, wenn man die Frage nach der künstlerischen Relevanz von „Nah- näher – Frauen in der Politik“ stellt. Zwar ist jedes einzelne Porträt wichtig und bedarf aller Sorgfalt, doch von ganz entscheidender Bedeutung ist der Prozess, aus dem heraus sich das Projekt entwickelt. Die porträtierten Frauen sind nicht lediglich Vorlage für die Künstlerin. Sie greifen mehrfach in den Schaffensprozess ein. Das trifft in dem trivialen Sinn zu, dass jede Porträtierte Einfluss nehmen kann auf ihre Darstellung. Wesentlicher ist, dass die früher entstandenen Bildnisse der Serie die späteren beeinflussen. Noch mehr Dynamik erhält der Prozess durch die Impulse der Porträtierten, die vorschlagen, wer in ihren Kreis aufgenommen werden soll, die Kontakte knüpfen und deren Initiative es zu verdanken ist, dass das Projekt europäische Dimensionen annahm. Dieser kraftvolle Vorgang wird auch die Präsentation und Rezeption des Porträt-Projektes fortlaufend beeinflussen und verändern.
Die Entwicklung des Projekts „Nah- näher – Frauen in der Politik“ erinnert die als Aktionskünstlerin vielfach erprobte Regina Zacharski an Erfahrungen, die sie von Performances her kennt. Sie führt eine Aktion durch, hinter der eine Idee und ein Ablaufkonzept stehen. Sie bezieht Menschen mit ein, weckt Gefühle, verbindet sich mit den Menschen. So manches, was sich jetzt bei Kontaktaufnahme und Beziehungsaufbau ergibt, ist spontan, unberechenbar und dem Diktat des Zufalls unterworfen. Aber es sind genuine Momente in diesem Schaffensprozess, die ihn beeinflussen, ihn verändern und anreichern. Besonders erfolgreich haben die künstlerischen Avantgarden des 20. Jahrhunderts gegen die vormals geläufige Auffassung starrer und einseitiger Bezüge zwischen dem Künstler, dem Werk und dem Publikum revoltiert. Sie suchten nach Möglichkeiten, den Betrachter zum aktiven Teilhaber und gar zum Mit-Schöpfer von Kunstwerken werden zu lassen. Auf diesem Wege schärften sie das Bewusstsein von den vielfältigen Wechselbeziehungen künstlerischer Prozesse. Als Teil dieses avantgardistischen Vorstoßes versteht sich das Projekt „Nah- näher – Frauen in der Politik“, denn es zeigt, wie komplex und dynamisch die Künstlerin und ihre „Objekte“ miteinander arbeiten, wie die Grenzen zwischen Künstler, Werk und Betrachter sich immer wieder verschieben und neu bestimmen. Wie andere Aktionen der Avantgarden wirft auch dieses Projekt ein erhellendes Licht auf die Kunst und ihre Verbindung zum Leben. Noch sind die Beziehungen zwischen den von Regina Zacharski porträtierten 30 Frauen aus der Politik lose. Noch verbinden sie „nur“ gemalte Blüten und Früchte auf den Porträts. Das dynamische Band des Lebens, das die Künstlerin hier symbolisch ins Bild setzt, es dürfte aber bald wirksam werden. Ein Frauenporträt hat nur begrenzte Möglichkeiten, 30 Porträts haben die Macht, die Welt zu verändern.
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